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This article was written on 09 Okt 2013, and is filled under Talent.

Pygmalion oder Michelangelo?

Es waren einmal zwei Bildhauer. Nach einigen Enttäuschungen mit echten Frauen beginnt der eine, eine Skulptur zu modellieren. Er verändert hier, er verändert dort, bis nach und nach vor seinen Augen sein Idealbild einer Frau entsteht. Diese Frauenskulptur begleitet ihn von nun an durch den Tag. Er begrüßt sie morgens, er erzählt ihr Geschichten, er verabschiedet sich von ihr und küsst sie, bevor er das Haus verlässt – sie wird für ihn real.

Eines Tages bittet er die Götter, ihm eine ebensolche Frau zu schicken. Eines Abends dann die große Überraschung – als er von einem Fest nach Hause zurückkehrt und die Skulptur umarmt, fühlt sie sich warm an. Pygmalion fühlt es mit seinen eigenen Fingern, in den Adern seiner geliebten Frau pulsiert das Blut. Seine Skulptur ist zum Leben erwacht.

Der andere Künstler hat einen neuen Steinblock geliefert bekommen. Marmor. Er steht in seinem Atelier. So, dass er gut um Steinskulpturenihn herumgehen kann. Ihn von allen Seiten betrachten kann. Er beobachtet ihn, schaut, wie zu den verschiedenen Tageszeiten das Licht auf den Stein fällt. Und nach und nach beginnt er, Teile vom Stein abzunehmen. Er tastet sich mit Hammer und Meißel vor, will dem Material die Form abringen.

Im marmorstaubigen Licht ist nicht zu erkennen, was dort unter seinen Fingern entsteht. Manchmal erscheint es ihm merkwürdig: Wieso sollte eine Ecke widerständiger sein als eine andere? Woher weiß er, welche Linie er herausarbeitet und was er wegmeißelt? Michelangelo findet sie Mal um Mal: die Figur, die in diesem Stein schlummert. Er müsse nur die rauen Stellen entfernen. Und sagt: „Jeder Steinblock birgt eine Statue in sich und es ist Aufgabe des Bildhauers, diese freizulegen.“ Später wird er einmal sagen: Ich versuche aus jedem Stein das herauszuarbeiten, was in ihm vorhanden ist. Ich sehe die Figur, die sich unter dem rohen, unbehauenen Stein verbirgt.

Und warum schreiben wir, die wir uns eigentlich so gar nicht mit Kunst beschäftigen, in diesem Blog darüber? Pygmalion und Michelangelo stehen für mehr. Ihre Geschichten lassen sich auf berufliche und persönliche Weiterbildung übertragen. Wie gehe ich vor? Schäle ich heraus, Steinskulptur-von-nahwas den Kern eines Menschen ausmacht? Oder habe ich definierte Anforderungen daran, was ein Mitarbeiter zu leisten hat und arbeiten wir gemeinsam darauf hin, dass er in dieses Bild passt?

Schäle ich heraus, was den Kern eines Menschen ausmacht? Finde ich heraus, worin ich selber richtig gut bin und suche ich nach Möglichkeiten, diese Fähigkeiten immer mehr einzusetzen? Ziele ich als Führungskraft darauf ab, die Talente und Fähigkeiten meiner Mitarbeiter optimal einzusetzen?

Oder: Überlege ich, welche Fähigkeiten für eine Aufgabe oder ein Projekt notwendig und suche mir entsprechend die Mitarbeiter heraus, die diese Talente mitbringen? Definiere ich, welche Anforderungen eine Stelle mit sich bringt und suche mir den passenden Mitarbeiter dafür?

Beide Herangehensweisen haben ihren Zeitpunkt und ihre Berechtigung. Vermutlich sind sie auch erst in der Kombination richtig wirksam. Aktuell wird unserem Eindruck nach in Berufsausbildung und Arbeitsleben vor allem Pygmalion praktiziert. Definierte Stellenprofile. Menschen, die sich in diese Raster einpassen und einzupassen. Schwächen werden, so gut es geht, ausgemerzt.

Wir wünschen uns, dass es in unserer Arbeitswelt neben vielen Pygmalion-Funktionen mehr Michelangelo-Effekte gäbe. Dass unser Bildungssystem dazu motiviert, die eigenen Stärken und Talente herauszufinden. Darauf den Fokus zu legen. Dass nicht jeder in allem gut zu sein hat, sondern seine ihm in schlummernde Figur zum Ausdruck bringen kann.

Autorinnen: Anna-Magdalena Bernhardt und Frauke Peter

 

Frauke Schmid-Peter

Frauke Schmid-Peter, Organisationsberaterin und Coach, schreibt hier in unregelmäßigen Abständen darüber, welchen Blick man auf Arbeit auch einnehmen kann und wie man diese zum Positiven verändern kann.

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One Comment

  1. […] Interessiert zu erfahren, was diese Bildhauer mit Personalentwicklung zu tun haben sollen? Weiter geht’s hier. […]

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